Drei Migrations-Wege
Weg 1: Windows-Desktop zu Linux (Mint oder Ubuntu)
Der häufigste Migrationsfall. Auslöser sind meist: Windows 10 EOL Oktober 2025, Windows-11-Hardware-Anforderungen (TPM 2.0), Lizenz-Kosten, Datenschutz-Bedenken, oder einfach die Lust auf Wechsel. Wir empfehlen für Windows-Umsteiger Linux Mint Cinnamon als Standard – die Bedienung ist Windows-Anwendern unmittelbar vertraut, das System ist konservativ-stabil, kein Snap-Zwang.
Detaillierter Praxis-Bericht im Cluster-Artikel: Windows zu Mint.
Weg 2: Windows-Server zu Ubuntu Server
Bei Server-Migrationen ist die Frage selten „welche Linux-Distro?" – sondern eher „können wir die Anwendungen überhaupt auf Linux laufen lassen?". Drei typische Szenarien:
- Web-Hosting:fast immer machbar. Apache/Nginx, PHP, Datenbanken laufen auf Ubuntu Server in Bestform. Mit Plesk als Verwaltungs-Layer wie unter Windows.
- Datei-Server (Samba):machbar, mit gewisser Aufmerksamkeit für AD-Integration. Samba unterstützt heute auch Active-Directory-Domain-Controller-Funktion.
- Application-Server mit Branchen-Software:oft kompliziert. Hängt am Hersteller-Support. Manche Branchen-Software läuft nativ unter Linux, andere braucht Wine, manche gar nicht.
Weg 3: Anderes Linux zu Mint oder Ubuntu
Wer von Manjaro, Pop!_OS, Fedora, Arch oder anderen Distros wegmöchte: in der Regel klare Empfehlung Richtung LTS. Bei Desktop ist Mint die ruhigere Wahl, bei Server Ubuntu LTS oder Debian. Migrations-Aufwand ist meistens überschaubar, weil viele Konfigurationen (Browser-Bookmarks, SSH-Keys, dotfiles) übertragbar sind.
Realistische Erwartungen
Was zuverlässig klappt
- Browser:Firefox, Chrome, Brave – alle unter Linux nativ verfügbar, mit Profil-Übernahme via Firefox Sync / Chrome-Sync
- Office:LibreOffice oder OnlyOffice öffnen MS-Office-Dateien fast immer fehlerfrei. Komplexe Excel-Makros sind eine Ausnahme – siehe „Workarounds"
- E-Mail:Thunderbird, Evolution, KMail – mit IMAP/SMTP-Setups sofort einsatzfähig
- Foto/Bild:GIMP, Krita, RawTherapee – kein Photoshop-Ersatz, aber für 90 % der Foto-Anwendungen ausreichend
- Audio/Video:VLC, Audacity, Kdenlive für Schnitt
- Cloud-Speicher:Nextcloud-Client, Dropbox, MEGA, OneDrive (über rclone oder ExpanDrive)
- Drucker:seit CUPS und IPP-Everywhere weitestgehend Plug-and-Play. HP, Canon, Brother, Epson laufen meist Out-of-the-Box
- WLAN/Bluetooth:moderne Hardware (Intel, Realtek, Broadcom mit firmware-nonfree) funktioniert Out-of-the-Box
Was Workarounds braucht
- Adobe Creative Cloud (Photoshop, Illustrator, InDesign):läuft nicht nativ unter Linux. Workarounds: GIMP, Krita, Inkscape, Affinity (über Wine experimentell), oder Web-Versionen wie Photopea.
- Microsoft Office (vollständige Funktionalität):LibreOffice ersetzt 90 % – komplexe VBA-Makros, Outlook-Exchange-Integration, Teams-Calls eher schwierig. Workarounds: Microsoft 365 Web-Apps, Office über Wine, oder ein Windows-Rest in einer VM
- Spezielle Branchen-Software:Lexware, Datev, AutoCAD, etc. – pro Software einzeln prüfen. Manche laufen nativ, manche via Wine, manche gar nicht. Workarounds: Web-Versionen, Windows-VM, Cloud-Hosting des Programms.
- Gaming:Steam mit Proton bringt vieles zum Laufen. Aber: Anti-Cheat-Systeme bei manchen Online-Spielen blockieren Linux. Bei Gaming-Schwerpunkt-Hardware ist Linux nicht immer die einfachste Wahl – auch wenn es 2026 deutlich besser geht als 2020.
- Spezielle Drucker mit proprietären Treibern:manche Multifunktions-Geräte (besonders Scan-Funktionen) brauchen Hersteller-Spezial-Treiber, die nicht immer für Linux gepflegt werden.
Was definitiv nicht klappt
- Software mit aggressiver Anti-Linux-Prävention:einige Banking-Programme (HBCI), einige DRM-geschützte Inhalte (Netflix in 4K nur in bestimmten Browsern), einige Spiele mit Kernel-Anti-Cheat (z. B. Valorant, manche Online-Shooter)
- Sehr alte Windows-Spezialhardware:uralte Drucker, Scanner, Faxmodems, USB-Geräte mit Windows-XP-only-Treibern. Hardware aus den 2010ern und älter, die schon unter Windows 11 nicht mehr läuft, läuft auch unter Linux nicht.
- Apple-spezifische Workflows:iMessage, Final Cut Pro, iCloud-Tiefenintegration. Wer Apple-Software wirklich braucht, sollte bei macOS bleiben.
Hardware-Kompatibilität vorab prüfen
Vor jeder Migration steht ein Hardware-Check. Drei Wege:
Live-USB
Mit Rufus (Windows), balenaEtcher (alle OS) oder GNOME Disks einen USB-Stick mit Mint oder Ubuntu vorbereiten. Davon booten, Live-System ausprobieren – ohne Installation. WLAN, Sound, Trackpad, Bildschirm-Auflösung, externe Monitore, Drucker (per IPP), Bluetooth lassen sich so in 15–30 Minuten testen.
Hardware-Datenbanken
- Linux Hardware Database(linux-hardware.org): Probes von realen Geräten, Kompatibilitäts-Bewertung pro Komponente.
- Ubuntu Certified Hardware(ubuntu.com/certified): von Canonical zertifizierte Geräte.
- Linux Mint Forum:Erfahrungsberichte zu konkreten Notebook-Modellen.
Spezielle Stolpersteine
- NVIDIA-Grafik:läuft, braucht aber den proprietären Treiber. Mint hat einen Mint Drivers, der das automatisch macht.
- Fingerprint-Reader:uneinheitlich. Manche laufen, viele nicht. Vor Hardware-Kauf prüfen.
- HDR-Monitore:HDR-Support in Linux ist 2026 noch im Aufbau.
- Battery-Optimierung bei Laptops:oft mit TLP oder auto-cpufreq nachzuregeln, sonst geht der Akku schneller leer als unter Windows.
Aufwands-Schätzungen für Migration
| Migrations-Typ | Aufwand | Kosten netto |
|---|---|---|
| Hardware-Check (Live-USB-Test, Bewertung) | 1 Stunde | 200 € |
| Windows zu Mint (Standard-Arbeitsplatz) | 4–6 Stunden | 800–1.200 € |
| Windows zu Mint (komplex, Custom-Software) | 6–10 Stunden | 1.200–2.000 € |
| Anderes Linux zu Mint/Ubuntu (Migration) | 3–6 Stunden | 600–1.200 € |
| Ubuntu Major-Upgrade (LTS zu LTS) | 2–4 Stunden | 400–800 € |
| Windows-Server zu Ubuntu (komplex) | 8–20+ Stunden | 1.600–4.000+ € |
Aufwands-Schätzungen sind Richtwerte. Vor jedem Auftrag gibt es eine konkrete Schätzung auf Basis von Hardware, Software-Bestand und individuellen Anforderungen.
Vorgehen bei Migrations-Aufträgen
- Audit: Hardware, aktuelle Software-Liste, kritische Anwendungen, Datenbestände.
- Hardware-Check: Live-USB-Test, Kompatibilitäts-Bewertung, Empfehlung der passenden Distribution und Edition.
- Software-Strategie: Welche Programme laufen nativ? Welche brauchen Workarounds? Welche müssen ersetzt werden?
- Daten-Migration: E-Mail-Profile, Dokumente, Fotos, Browser-Bookmarks, Passwort-Manager, SSH-Keys.
- Installation und Konfiguration: Linux installieren, Programme einrichten, Migration der Daten.
- Funktions-Test: Alle wichtigen Workflows einmal durchgehen, Probleme dokumentieren und beheben.
- Übergabe: Schriftliche Dokumentation, Backup-Hinweise, Empfehlungen für die ersten Wochen.